Kontrollverlust

Die Strasse ist dunkel und wirkt wie ein Raum. Niedere Decke, eng, erdrückend. Je weiter ich gehe, desto mehr habe ich das Gefühl, stehen zu bleiben. Ich spule meine Schritte wie auf einem Laufband ab. Sie werden grösser, ich will entkommen, die klaustrophobische Hand in meinem Kopf greift nach mir. Ihre Konturen kann ich im Schwarz nicht ausmachen, aber ich spüre sie, ihr Näherkommen, ihren eisernen, erbarmungslosen Griff. Meine Beine zucken. Ich wechsle ins Rennen, ich will mich entfernen. Die dumpfe Furcht, auf die schwarze Wand vor mir zu prallen, steigt in mir auf, ich trample sie in mir nieder. Nur weg von dieser Bar, weg von diesem Ort der Finsternis.

Was war das eben? Was hat mich gepackt? Warum habe ich diesen Mann geschlagen? Warum habe ich nicht aufgehört? Der Atem geht mir aus. Ich bleibe stehen, lehne vornüber, ruhe meine Hände auf den Knien. Ich schnaufe hart. Mein Kopf dreht sich und ich drehe mich mit ihm. Ich schaue zurück, sehe Schlieren weissen Lichts. Entfernter Lärm hallt in den hohen Mauern. Es muss ein Traum sein. Ich habe noch nie zuvor einen Menschen geschlagen. Das kann nicht ich gewesen sein. Vielleicht sollte ich zurückgehen und das Missverständnis aufklären.

Ich höre Schritte. Ich will weg. Ich kann nicht mehr rennen. Aus einem Instinkt heraus drehe ich mich nach Links, in der Dunkelheit sehe ich einen vertikalen Streifen aus grau, der mir so hell erscheint wie ein Stern am Himmel. Mein Leitstern. Ich trete auf den Streifen zu und verschwinde in einer Seitengasse, ein Anstandsabstand zwischen zwei Mauern, die bis zum Sternenhimmel aufzusteigen scheinen. Es riecht nach Katzenurin, aus der Ferne sind Sirenengeräusche zu vernehmen. Vermutlich sind sie auf der Spur des Schlägers, der vorhin den Mann in der Bar zusammengeschlagen hat. Beide Hände am Mauerwerk, stosse ich weiter nach vorne vor, fange mich auf, ich stolpere über etwas.

Ich bleibe kurz stehen. Nur ganz kurz. Ich muss weiter. Nein, noch zwei Atemzüge. Ich kann nicht weiter. Pause machen. Ich muss weiter. Hinlegen, das wäre schön. Der Drang, mich hinzulegen, droht mich zu überwältigen, genau wie die Szenen in meinem Kopf. Die Szenen, wie ein Mann einen anderen schlägt, mit der Faust mitten ins Gesicht, die Augen die sich verdrehen und aus denen jedes Bewusstsein erlischt, die Szenen wiederholen sich in meinem Kopf.

Ich setze mich auf den Boden, er ist feucht, aber nicht kalt. Meine Beine ziehe ich an und meine Unterarme lege ich auf die Knie. Den Kopf lege ich nach hinten, berühre den maroden Verputz, Stück bröckeln ab, Sandkörner rieseln in meinen Nacken und vermischen sich mit meinem Schweiss. Es ist dunkel, ich sehe nichts ausser einer Blutlache, in der ein Mann liegt, der sich bewegt, aber nicht von selbst, sondern durch die Tritte, die in seinen Brustkorb eingehen.

Meine Unterarme rutschen von meinen Knien ab, meine Handinnenflächen spüren die Feuchte auf dem Boden. Jetzt rieche ich den Boden, die Feuchtigkeit auf dem Boden. Ich will hier sitzen bleiben und nie wieder aufstehen. Mein Kopf bewegt sich leicht hin und her und schafft sich in der Wand eine leichte Mulde, bis er bequem aufliegt. Sitzen bleiben, nie wieder aufstehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s