Die Dinge geschehen lassen

Immer wollen wir noch etwas tun. Noch dies anschauen, noch jenes erledigen, noch diese Ziel erreichen. Wir sind furchtbar vorwärts gewandt. Wir springen zum Nächsten, zum Übernächsten, zum Überübernächsten. Wir sähen und wollen schon geerntet haben. Das sieht man auch an der Körperhaltung vieler Menschen. Buckel, hochgezogene Schultern, stechender Blick.

Wann haben wir die Dinge das letzte Mal einfach geschehen lassen? Wann wollten wir das letzte Mal das Resultat unserer Arbeit nicht schon jetzt gierig umklammern?

Es ist für uns schwer zu glauben, doch vieles geschieht ohne unser Zutun – Oftmals sogar besser.

Wir haben eine Katze zu Hause. Ein traumatisiertes Tier, das wir aus einer unguten Situation bei der Vorbesitzerin retten konnten. Sie ist schüchtern, gar etwas ängstlich. Unser Zusammenleben bestand lange vor allem darin, sie in Ruhe lassen. Und wie ist es jetzt? Setze ich mich auf meinen Teppich, um zu arbeiten oder auf meine Matte, um Yoga zu machen – Sie ist mit dabei, schmiegt sich an mich, schnurrt.

Der Umgang mit Katzen lehrt uns, dass der „Eiserne Griff“ meist mehr Energie kostet und weniger bringt, als wenn wir die Dinge geschehen lassen. Sein lassen, geschehen lassen. Auch sich selber, sein lassen. Es ist OK, hohe Ansprüche an sich selber zu haben. Das ist gut, es lässt uns wachsen. Aber oftmals können wir im gegenwärtigen Moment nicht viel tun. Im Gegenteil. Oftmals können wir nur wenig tun und die Dinge primär geschehen lassen. Oftmals geben wir zu viel. Vor allem im Kopf. Wir können nicht von einem Tag auf den anderen über uns hinauswachsen. Aber wir können jeden Tag ein kleines, kleines Stück wachsen. Das reicht schon. Überfokus auf das, was wir wollen, bringt wenig. Ausser Verspannung in den Schultern und ein verbissener Gesichtsausdruck.

Ja, es ist eine Gratwanderung. Der Weg oder das Dao, wie die chinesischen Daoisten sagen, ist ein Drahtseil. Es ist die feine Balance, zwischen Vorwärtsdrang und Verhangensein in der Vergangenheit. Es gilt, weder vornüber noch nach hinten zu fallen. Doch bei den meisten von uns ist der Fokus so stark nach vorne gerichtet, wir können uns getrost rückwärts wenden, ohne dass wir tatsächlich rückwärtsgewandt werden.

Es ist OK, die Dinge einfach geschehen zu lassen.

Über Mike Reist

Hervorgehoben

Die Pfade des Glücks können so verschlungen sein, dass sie nicht mehr als solche zu erkennen sind. Aber jeder Pfad führt irgendwohin und das Glücklich sein mag genau dort sitzen. Ein bekanntes Gesicht, das grosse Ziel, ein Cafè in der Strandbar in Italien, oder der entspannte Abend vor dem Fernseher. Betriebswirtschaft, Beratung, Kader, die Pfade schienen gerade, doch führten sie ins Nichts. Alte Notizbücher lagerten in Schubladen, angefangene Texte auf Festplatten, das stille Schlummern dauerte Jahre. Der Sonnenstrahl traf die Saat und aus Zweifeln erwuchsen Versuche und aus den Versuchen erwuchs eine Leidenschaft. Worte formten einen eigene Pfad des Glücks, reihten sich aneinander, wurden zu Sätzen und Seiten und schliesslich zu Büchern. Und jetzt – wenn man diesen Pfad ein Etikett anheften will – bin ich Denker, Texter und Schriftsteller.

Die andere Seele des Kaffee

Damals in Amman, als die Sonne auf mich niederschlug und ich in den Gassen durch den Staub watete, schien mir, dass ich nach etwas suchte. Ich wusste nicht genau nach was, vielleicht nach mir selber, denn ich kam mir etwas verloren vor. Die Häuser dieser Stadt türmten sich zu Hügeln auf, ihr Antlitz war braun-gelb, ein warmer, doch staubtrockener Ockerton. Ich wandelte den Strassen entlang, die voller Verkehr, Leute und Rufe waren. Ich war dort in dieser Stadt und wusste, dass ich etwas anschauen musste, weil ich ja da war und doch hatte ich keine Lust, die Sehenswürdigkeiten aus den Reiseführern abzuarbeiten. Die Hitze war gross und ich trug meine lange Jeans, weil ich es für angemessen hielt. Es machte mir nichts aus, ich liebte die Hitze.

Ein paar Männern in traditionellen langen Gewändern standen am Strassenrand, in ihrer Mitte fand sich ein Tisch. Ihr rauer arabischer Singsang plärrte in die Strassen hinaus. Ich trat näher, scheinbar gab es etwas zu sehen. Auf dem Tisch stand eine silbrig glänzende Kanne. Als die Männer, ein paar ältere, ein paar jüngere, mein Interesse bemerkten, flammte auch ihr Interesse auf. „Coffee, coffee!“, riefen die Jüngeren, die Aelteren lachten und zeigten ihre lückenhaften Zahnreihen. Sie hatten kleine TakeAway Papebecher, solche, wie wir auch in der Schweiz haben, und in welchen unser Espresso «to go» serviert wurde. Schwarz wie eine orientalische Neumondnacht und stark wie ein Kamelhengst schien mir dieser Kaffee. Angetan trat ich näher. „Jordan coffee, cardamom!“, beschwatzte mich einer begeistert. Unerwartet traf mich ein Flashback und ich sprang viele Jahre in der Zeit zurück. Da war ich doch vor vielen Jahren mit dem ICE von Interlaken nach Bern unterwegs, ein Abteil für mich alleine. Im Abteil vis à vis sassen ein paar Araber, die ohne Witz ihr Kaffeeset aus einem edlen Tuch entrollten. Kein Plastik- oder Blechgeschirr. Nein. Porzellan. Mit goldenen Rändern. Sie schenkten sich mitten auf der holpirgen Strecke zwischen Interlaken und Spiez gegenseitig Kaffee ein. Als das vollbracht war, packten sie saftige Datteln aus. Dann .. riefen sie mich zu sich herüber. Ich solle doch mit ihnen Kaffee trinken und bitte eine Dattel dazu essen. Was soll man dazu sagen? Ehe ich überhaupt etwas sagen konnte, stand meine gefüllte Prozellantasse bereits auf dem holpernden Fake-Holztisch. Ich wechselte etwas zögerlich mein Abteil, setze mich zu meinen neugewonnenen arabischen Freunden und lernte meine ersten beiden arabischen Worte. Ahlan und Shukran. Hallo und Danke. Ich lernte auch etwas über Kaffee. Zumindest machten mir die drei Araber weiss, Ahnung davon zu haben. Kardamom, das sei die magische Zutat für einen perfekten Kaffee. Ich blieb etwas sketisch. Aber: der Punkt ging an sie, der Kaffee war absolut göttlich. Ende des Flashbacks, zurück in Amman.

Ich traf also zufällig auf eine Gruppe Männer, die mir Kaffee mit Kardamom anboten. Was ich vor Jahren im Zug hatte kosten dürfen, war also ein Ding und nicht bloss ein Tick ein paar durchgeknallter Araber (ja, beim Reisen entwickelt man zuweilen eigenartige Präferenzen). Ich nahm von diesen Jungen also gespannt ein TakeAway Papbecher entgegen, zahlte die paar Dinar oder was auch immer es war und jetzt kam mein im Zug erlerntes Arabisch zum Zuge. Shukran! Sie brachen in begeistertem Lachen aus, auch ich lachte und ging meines Weges. Ich schlürfte Kaffee mit Kardamom, dessen Magie mich verzauberte, und ich atmete in den Strassen unreine Luft und reines Glück.

Kontrollverlust

Die Strasse ist dunkel und wirkt wie ein Raum. Niedere Decke, eng, erdrückend. Je weiter ich gehe, desto mehr habe ich das Gefühl, stehen zu bleiben. Ich spule meine Schritte wie auf einem Laufband ab. Sie werden grösser, ich will entkommen, die klaustrophobische Hand in meinem Kopf greift nach mir. Ihre Konturen kann ich im Schwarz nicht ausmachen, aber ich spüre sie, ihr Näherkommen, ihren eisernen, erbarmungslosen Griff. Meine Beine zucken. Ich wechsle ins Rennen, ich will mich entfernen. Die dumpfe Furcht, auf die schwarze Wand vor mir zu prallen, steigt in mir auf, ich trample sie in mir nieder. Nur weg von dieser Bar, weg von diesem Ort der Finsternis.

Was war das eben? Was hat mich gepackt? Warum habe ich diesen Mann geschlagen? Warum habe ich nicht aufgehört? Der Atem geht mir aus. Ich bleibe stehen, lehne vornüber, ruhe meine Hände auf den Knien. Ich schnaufe hart. Mein Kopf dreht sich und ich drehe mich mit ihm. Ich schaue zurück, sehe Schlieren weissen Lichts. Entfernter Lärm hallt in den hohen Mauern. Es muss ein Traum sein. Ich habe noch nie zuvor einen Menschen geschlagen. Das kann nicht ich gewesen sein. Vielleicht sollte ich zurückgehen und das Missverständnis aufklären.

Ich höre Schritte. Ich will weg. Ich kann nicht mehr rennen. Aus einem Instinkt heraus drehe ich mich nach Links, in der Dunkelheit sehe ich einen vertikalen Streifen aus grau, der mir so hell erscheint wie ein Stern am Himmel. Mein Leitstern. Ich trete auf den Streifen zu und verschwinde in einer Seitengasse, ein Anstandsabstand zwischen zwei Mauern, die bis zum Sternenhimmel aufzusteigen scheinen. Es riecht nach Katzenurin, aus der Ferne sind Sirenengeräusche zu vernehmen. Vermutlich sind sie auf der Spur des Schlägers, der vorhin den Mann in der Bar zusammengeschlagen hat. Beide Hände am Mauerwerk, stosse ich weiter nach vorne vor, fange mich auf, ich stolpere über etwas.

Ich bleibe kurz stehen. Nur ganz kurz. Ich muss weiter. Nein, noch zwei Atemzüge. Ich kann nicht weiter. Pause machen. Ich muss weiter. Hinlegen, das wäre schön. Der Drang, mich hinzulegen, droht mich zu überwältigen, genau wie die Szenen in meinem Kopf. Die Szenen, wie ein Mann einen anderen schlägt, mit der Faust mitten ins Gesicht, die Augen die sich verdrehen und aus denen jedes Bewusstsein erlischt, die Szenen wiederholen sich in meinem Kopf.

Ich setze mich auf den Boden, er ist feucht, aber nicht kalt. Meine Beine ziehe ich an und meine Unterarme lege ich auf die Knie. Den Kopf lege ich nach hinten, berühre den maroden Verputz, Stück bröckeln ab, Sandkörner rieseln in meinen Nacken und vermischen sich mit meinem Schweiss. Es ist dunkel, ich sehe nichts ausser einer Blutlache, in der ein Mann liegt, der sich bewegt, aber nicht von selbst, sondern durch die Tritte, die in seinen Brustkorb eingehen.

Meine Unterarme rutschen von meinen Knien ab, meine Handinnenflächen spüren die Feuchte auf dem Boden. Jetzt rieche ich den Boden, die Feuchtigkeit auf dem Boden. Ich will hier sitzen bleiben und nie wieder aufstehen. Mein Kopf bewegt sich leicht hin und her und schafft sich in der Wand eine leichte Mulde, bis er bequem aufliegt. Sitzen bleiben, nie wieder aufstehen.