Die andere Seele des Kaffee

Damals in Amman, als die Sonne auf mich niederschlug und ich in den Gassen durch den Staub watete, schien mir, dass ich nach etwas suchte. Ich wusste nicht genau nach was, vielleicht nach mir selber, denn ich kam mir etwas verloren vor. Die Häuser dieser Stadt türmten sich zu Hügeln auf, ihr Antlitz war braun-gelb, ein warmer, doch staubtrockener Ockerton. Ich wandelte den Strassen entlang, die voller Verkehr, Leute und Rufe waren. Ich war dort in dieser Stadt und wusste, dass ich etwas anschauen musste, weil ich ja da war und doch hatte ich keine Lust, die Sehenswürdigkeiten aus den Reiseführern abzuarbeiten. Die Hitze war gross und ich trug meine lange Jeans, weil ich es für angemessen hielt. Es machte mir nichts aus, ich liebte die Hitze.

Ein paar Männern in traditionellen langen Gewändern standen am Strassenrand, in ihrer Mitte fand sich ein Tisch. Ihr rauer arabischer Singsang plärrte in die Strassen hinaus. Ich trat näher, scheinbar gab es etwas zu sehen. Auf dem Tisch stand eine silbrig glänzende Kanne. Als die Männer, ein paar ältere, ein paar jüngere, mein Interesse bemerkten, flammte auch ihr Interesse auf. „Coffee, coffee!“, riefen die Jüngeren, die Aelteren lachten und zeigten ihre lückenhaften Zahnreihen. Sie hatten kleine TakeAway Papebecher, solche, wie wir auch in der Schweiz haben, und in welchen unser Espresso «to go» serviert wurde. Schwarz wie eine orientalische Neumondnacht und stark wie ein Kamelhengst schien mir dieser Kaffee. Angetan trat ich näher. „Jordan coffee, cardamom!“, beschwatzte mich einer begeistert. Unerwartet traf mich ein Flashback und ich sprang viele Jahre in der Zeit zurück. Da war ich doch vor vielen Jahren mit dem ICE von Interlaken nach Bern unterwegs, ein Abteil für mich alleine. Im Abteil vis à vis sassen ein paar Araber, die ohne Witz ihr Kaffeeset aus einem edlen Tuch entrollten. Kein Plastik- oder Blechgeschirr. Nein. Porzellan. Mit goldenen Rändern. Sie schenkten sich mitten auf der holpirgen Strecke zwischen Interlaken und Spiez gegenseitig Kaffee ein. Als das vollbracht war, packten sie saftige Datteln aus. Dann .. riefen sie mich zu sich herüber. Ich solle doch mit ihnen Kaffee trinken und bitte eine Dattel dazu essen. Was soll man dazu sagen? Ehe ich überhaupt etwas sagen konnte, stand meine gefüllte Prozellantasse bereits auf dem holpernden Fake-Holztisch. Ich wechselte etwas zögerlich mein Abteil, setze mich zu meinen neugewonnenen arabischen Freunden und lernte meine ersten beiden arabischen Worte. Ahlan und Shukran. Hallo und Danke. Ich lernte auch etwas über Kaffee. Zumindest machten mir die drei Araber weiss, Ahnung davon zu haben. Kardamom, das sei die magische Zutat für einen perfekten Kaffee. Ich blieb etwas sketisch. Aber: der Punkt ging an sie, der Kaffee war absolut göttlich. Ende des Flashbacks, zurück in Amman.

Ich traf also zufällig auf eine Gruppe Männer, die mir Kaffee mit Kardamom anboten. Was ich vor Jahren im Zug hatte kosten dürfen, war also ein Ding und nicht bloss ein Tick ein paar durchgeknallter Araber (ja, beim Reisen entwickelt man zuweilen eigenartige Präferenzen). Ich nahm von diesen Jungen also gespannt ein TakeAway Papbecher entgegen, zahlte die paar Dinar oder was auch immer es war und jetzt kam mein im Zug erlerntes Arabisch zum Zuge. Shukran! Sie brachen in begeistertem Lachen aus, auch ich lachte und ging meines Weges. Ich schlürfte Kaffee mit Kardamom, dessen Magie mich verzauberte, und ich atmete in den Strassen unreine Luft und reines Glück.

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